Lektorat und Analyse

Wenn ein Text fertig ist, kann der, der ihn geschrieben hat, ihn nicht mehr sehen. Er hat so lange mit seinen Sätzen gelebt, dass das Auge über sie hinweggleitet wie über die Möbel der eigenen Wohnung: Es ergänzt, was fehlt, übersieht, was zu viel ist, und bemerkt nicht, dass die Figur, die im zweiten Kapitel gestorben ist, im fünften in einem Café sitzt und Zeitung liest. Das ist kein Versagen. Es ist die Bedingung des Schreibens selbst. Jeder Text braucht an einem bestimmten Punkt ein zweites Auge, und je besser der Text, desto nötiger braucht er es.

Dieses zweite Auge biete ich an. Seit zwanzig Jahren lebe ich mit Texten, mit denen, die ich als Germanist gelesen, die ich übersetzt, geschrieben und lektoriert habe. Und seit zwanzig Jahren lebe ich mit Menschen, in einem Zimmer, in dem ich zuhöre, wie einer sich selbst erzählt. Die beiden Tätigkeiten sind einander näher, als man denkt. Einen Text zu lesen und einem Menschen zuzuhören verlangt dieselbe Fähigkeit: hinter dem, was gesagt wird, das zu hören, was nicht gesagt wird.


Von Menschenhand

Eines will ich ohne Umschweife sagen: Bei keiner der Arbeiten, die auf dieser Seite stehen, kommt eine künstliche Intelligenz ins Spiel. Ihr Manuskript wird in kein Programm geladen, von keiner Maschine zusammengefasst, von keinem Algorithmus auf einen Durchschnitt hin geglättet. Ihre Sätze lese ich, mit dem Bleistift, am Tisch, manche Seite dreimal, und was ich Ihnen dazu sage, habe ich selbst gedacht. Wer wünscht, dass seinem Satz wirklich ein anderer Mensch gegenübertritt, dass sein Text von einer Hand berührt wird, die auch zittern kann, der schreibe mir.

Ich sage das nicht als Grundsatz, sondern aus Notwendigkeit. Ob ein Text gut ist, mag eine Maschine messen; ob ein Text der Ihre ist, sieht nur ein Mensch. Lektorat heißt nicht, die Stimme eines Autors zu korrigieren. Es heißt, sie ihm hörbar zu machen, gerade dort, wo er selbst sie nicht mehr hört. Dafür braucht es jemanden, der diese Stimme erkennt, und Erkennen ist, wie das Zuhören, eine Arbeit, die man nicht delegieren kann.


Lektorat und Gutachten

Roman, Erzählung, Essay, Erinnerung; Fiktion und Sachtext. Ich arbeite auf zwei Ebenen. Im Strukturlektorat sehe ich das Ganze: den Bau der Handlung, den Atem des Textes, die Folgerichtigkeit der Figuren, die Perspektive, den Anfang, das Ende, das Zuviel und das Fehlende. Im Zeilenlektorat steige ich in den Satz hinab: Sprache, Ton, Wiederholungen, die abgegriffene Wendung, das Wort, das ein anderes sein müsste. Für ein Gutachten lese ich das Manuskript mit den Augen eines Verlages und schreibe einen ehrlichen Bericht über seine Aussichten. Mit deutschsprachigen Autoren arbeite ich auf Deutsch, mit türkischsprachigen auf Türkisch; und für die, die zwischen den beiden Sprachen schreiben, habe ich ein Ohr, das ich mir nicht erworben, sondern ererbt habe.

Figuren- und Persönlichkeitsanalyse

Eine Romanfigur lebt auf dem Papier, aber damit der Leser ihr glaubt, muss sie gebaut sein wie ein Mensch, mit Widersprüchen, mit einer Vorgeschichte, mit Abwehr. Mit Autoren arbeite ich an der Innenwelt ihrer Figuren: was eine Figur will, was sie sich verbietet, was sie in einer bestimmten Szene wirklich täte und was der Autor ihr nur zumutet. Das heißt, therapeutisches Wissen in die Fiktion zu tragen; nicht um eine Figur zu diagnostizieren, sondern um ihr Blut zu geben. Auch fertige Figuren lese ich auf diese Weise und sage, wo sie Papier geblieben sind.

Film, Serie und Drehbuch

Ich arbeite überall dort, wo Sprache und Erzählung sind, und Kino und Serie gehören dazu. Drehbuchlektüre, Figurenbogen, Dialog, seelische Glaubwürdigkeit; jene Stelle, an der ein Therapeut beim Ansehen einer Szene leise sagt: So nicht, und dann erklären kann, warum. Beratung für Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure; Analysen veröffentlichter Filme und Serien für Zeitschriften und Plattformen.

Übersetzung

Literarische Übersetzung aus dem Deutschen ins Türkische und zurück: Roman, Novelle, Essay, psychologische und philosophische Texte. Ich habe in beiden Sprachen gewohnt, nicht nur gelernt. Übersetzen ist mir kein Transport von einem Ufer zum anderen, sondern das Wiederfinden einer Stimme, die man in der anderen Sprache schon einmal gehört hat.

Supervision für Schreibende

Therapeuten haben Supervision; warum sollten Schriftsteller ohne sie auskommen? Mit Schreibenden, die in einem Text stecken geblieben sind, die dasselbe Kapitel zum sechsten Mal schreiben, die das Ende fürchten oder den Anfang nicht finden, führe ich regelmäßige Gespräche. Es ist keine Therapie. Es ist der gemeinsame Blick eines Therapeuten und eines Lektors auf das, was zwischen einem Menschen und seinem Text geschieht.


Was immer Sie veröffentlichen wollen, lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten: einen Roman, einen Erzählband, ein Drehbuch, eine Reihe von Essays, ein Exposé, das an einen Verlag gehen soll. Jede Arbeit ist ein eigener Text, und was sie an Zeit und Bedingungen verlangt, klären wir schriftlich. Eine kurze Nachricht genügt: woran Sie arbeiten möchten, und wie lang es ist. Schreiben Sie mir.