Signiertes Buch und Begegnung

Ein Buch hat zwei Leben, und der Autor kennt nur das erste. Es spielt an seinem Schreibtisch, in den Monaten der Entwürfe, der gestrichenen Sätze, jenes einen Wortes, das man erst gegen Morgen findet und das dann so selbstverständlich dasteht, als hätte es immer dort gestanden. Für dieses erste Leben gibt es keine Zeugen. Das zweite beginnt in dem Augenblick, in dem das Buch in eine fremde Hand gelangt, und von da an hat der Autor nichts mehr zu sagen. Ich weiß nicht, auf welcher Seite Sie innehalten, welchen Satz Sie mit dem Bleistift anstreichen, wem Sie das Buch weiterreichen und was Sie dabei sagen. Ich vermute nur, dass es dieses zweite Leben ist, das ein Buch erst wirklich schreibt.

Eine Widmung ist mir daher keine Zeremonie, sondern eine Verbeugung. Die paar Worte auf der Innenseite des Umschlags sind die einzige Stelle, an der sich die beiden Leben eines Buches begegnen. Deshalb möchte ich wissen, für wen ich schreibe; ein Name verändert den Satz. Wer das Buch für sich selbst möchte, bekommt einen anderen als der, der es der Mutter schenken will, und wieder einen anderen jene, die es einer Freundin gibt, die eben erst den Mut zu einer Therapie gefunden hat.


Von Milton Erickson erzählt man, dass er seinen Patienten lieber Geschichten erzählte, als ihnen Ratschläge zu geben. Eine davon, in meiner Fassung, will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Ein Mann pflanzt einen Baum, nicht in seinem Garten, sondern an einer Wegkreuzung, damit die Vorübergehenden sich unter ihm ausruhen können. Er wässert ihn durch die Jahre, der Baum wächst, wirft Schatten. Eines Nachmittags sieht der Mann einen Fremden unter dem Baum sitzen, ein Buch auf den Knien. Er tritt zu ihm, und er sagt nicht: Diesen Baum habe ich gepflanzt. Er fragt nur: Reicht der Schatten? Der Fremde hebt den Kopf und antwortet: Er reicht; ein wenig höher dürfte er sein. Am nächsten Morgen kommt der Mann mit der Gießkanne wieder.

Eine Moral hat die Geschichte nicht, aber eine Bewegung: fragen, zuhören, gießen. So verstehe ich die Begegnung mit meinen Lesern. Das Buch habe ich gepflanzt; ob der Schatten reicht, kann nur sagen, wer darunter sitzt.


Das signierte Buch

Wenn Sie eines meiner Bücher mit Widmung wünschen, genügt eine kurze Nachricht: für wen es sein soll, und wohin es reisen darf. Es wird aus Deutschland oder aus der Türkei versandt; das Übrige klären wir in zwei Briefen. Schreiben Sie mir.

Die Begegnung

Ich möchte meinen Lesern auch ins Gesicht sehen. In Deutschland, in England und in der Türkei komme ich auf Einladung von Buchhandlungen, Vereinen und Lesekreisen zu Lesungen und Gesprächen; und am letzten Freitagabend eines jeden Monats treffen wir uns online zu einem kleinen Lesekreis: ein Text, eine Stunde, wenige Menschen. Wer dabei sein möchte, schreibe mir.

Worüber wir sprechen? Über die Bücher, gewiss; mehr noch über die Türen, die sie öffnen. Die schönsten Augenblicke eines Lesekreises sind die, in denen jemand sagt: Auf dieser Seite bin ich stehen geblieben. Dann schlagen wir sie gemeinsam auf und sehen nach, was dort steht.