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Frankls Suche nach Sinn: Geist und Gewissen

Das Manuskript im Mantelfutter, die Dimension, die nicht erkrankt, und das Sinn-Organ

Im September 1942 näht in Wien ein Arzt ein Manuskript in das Futter seines Mantels. Es ist der Entwurf des Buches, an dem er seit Jahren arbeitet; über den Sinn, über die Seelsorge des Arztes. Am nächsten Tag wird er mit seiner Familie nach Theresienstadt gebracht. Zwei Jahre später, in Auschwitz, nimmt man ihm den Mantel; das Manuskript geht mit dem Mantel. In der Tasche des Mantels, den man ihm dafür gibt, liegt eine Seite aus einem zerrissenen Gebetbuch: das Schma Jisrael. Der Arzt beschließt, das Buch neu zu schreiben, wenn er überlebt.

Er überlebt. Im Frühjahr 1945 wird er befreit; seine Frau, seine Mutter, sein Bruder sind tot. In neun Tagen diktiert er ein Buch: was ein Psychologe im Konzentrationslager erlebt hat. Sein deutscher Titel ist ein Satz: trotzdem Ja zum Leben sagen. Der Arzt heißt Viktor Frankl.

In diesem Essay möchte ich Frankls Lehre erzählen; nicht als Theorie, sondern als Geschichte, die im Futter jenes Mantels beginnt. Denn als Theorie gelesen, wirkt die Logotherapie leicht: Der Mensch sucht Sinn, findet er ihn, bleibt er aufrecht. Als Geschichte gelesen, wird sie schwer und wahr.


Frankls Ausgangspunkt ist eine Beobachtung; nicht im Lager, sondern früher, in den 1930er Jahren in Wien, in der Arbeit mit suizidgefährdeten Jugendlichen. Er sieht, dass das, was einen Menschen am Leben hält, nicht Lust ist und nicht Macht, sondern Sinn. Freud hatte das Lustprinzip gesetzt, Adler den Willen zur Macht; Frankl setzt das dritte: den Willen zum Sinn. Der Mensch will, dass sein Leben für etwas da ist. Fehlt dieses Etwas, laufen Lust und Macht ins Leere.

Das ist leicht gesagt. Was Frankl leistet, ist zu zeigen, wo es steht. Der Mensch lebt nach ihm in drei Dimensionen: Körper, Psyche und Geist. Dieses Wort, das in andere Sprachen so schwer zu übersetzen ist, dass die türkischen Übersetzer zwischen drei Wörtern schwanken und keines passt, ist bei Frankl die Dimension des Menschen, die nicht erkranken kann. Der Körper erkrankt; die Psyche, Gefühle und Triebe, erkrankt. Aber der Geist, das heißt der Teil des Menschen, der Stellung nimmt, nach Sinn fragt, sich selbst überschreitet, erkrankt nicht. Er kann hinter den Vorhang geraten, seine Stimme kann leise werden; aber er steht. Frankl nennt das die Trotzmacht des Geistes: die Fähigkeit, gegen den Körper, gegen die Psyche, gegen die Umstände Stellung zu nehmen.

Als Germanist kenne ich dieses Wort von Hegel, von Goethe; es ist das schwerste Wort des deutschen Denkens. Frankl hat es aus der Philosophie geholt und in das Zimmer eines Arztes gestellt. Als Therapeut kenne ich die klinische Entsprechung: jenen Augenblick, in dem auch der Mensch in der schwersten Depression seinen Zustand für einen Moment von außen betrachten kann. Dieser Blick ist der Geist. Die Therapie spricht ihn an.


Wo aber wird der Sinn gefunden? Frankl nennt drei Wege. Indem man etwas schafft: eine Arbeit, ein Werk, ein Kind. Indem man etwas erlebt: die Natur, die Kunst, vor allem einen Menschen lieben. Und indem man zu einem unabänderlichen Leid Stellung nimmt. Der dritte Weg ist Frankls umstrittenster und am wenigsten verstandener Gedanke. Er sagt nicht, das Leid selbst sei sinnvoll; Leid ist Leid. Er sagt: Wenn das Leid unvermeidlich ist, dann ist die Haltung, die man dazu einnimmt, die letzte Freiheit des Menschen. Im Lager hat er es gesehen. Die, die ihr Brot teilten, und die, die es nicht taten; unter denselben Bedingungen verschiedene Menschen.

Von hier komme ich zu Frankls schwierigstem Wort: Gewissen. Frankl bestimmt das Gewissen als Sinn-Organ. Wie das Auge das Licht sieht, sieht das Gewissen den Sinn einer Lage; was eine Situation von uns verlangt. Das Gewissen ist keine Liste von Regeln; es ist die Intuition, die in einer einzigen Lage, für einen einzigen Menschen, den einmal gültigen Sinn findet. Frankl sagt auch, das Gewissen könne irren; aber der Mensch habe keinen besseren Kompass.

Als Therapeut ist mir dieser Gedanke wichtig, weil er die Grenze der Therapie zieht. Der Therapeut kann dem Klienten den Sinn nicht geben; der Sinn ist das, was das Gewissen dieses Menschen finden wird. Was der Therapeut tun kann, ist, wegzuräumen, was die Stimme des Gewissens erstickt: die Furcht, die Lüge, das Leben eines anderen. Und dann zu schweigen.


Im Behandlungszimmer höre ich Frankls Frage jede Woche; in anderen Worten.

Jemand hat alles und spricht von Leere. Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit. Es sei alles in Ordnung, sagt er, aber wofür? Frankl hat diesem Zustand einen Namen gegeben: das existenzielle Vakuum. Es ist keine Depression; es ist keine Diagnose. Es ist der Wille zum Sinn, der ohne Antwort bleibt. Man kann diesem Menschen Medikamente verschreiben, aber Medikamente antworten nicht auf die Frage Wofür.

Eine andere lebt mit etwas Unabänderlichem: einer Krankheit, einem Verlust, einer Behinderung. Ihr zu sagen, sie solle positiv denken, ist eine Beleidigung. Was Frankl sagen würde, ist etwas anderes: Was verlangt dieses Leid von dir? Beim ersten Hören versteht man die Frage nicht; beim zweiten, dritten öffnet sich etwas. Das Leid beginnt, etwas zu verlangen. Ein Zeugnis, eine Hilfe für einen anderen, einen Satz.

Ein Dritter hat gehört, was sein Gewissen sagte, und hat es überhört. Seit Jahren. In der falschen Arbeit, im falschen Leben. Als er es mir erzählt, merkt er es selbst: Er erzählt etwas, das er weiß. Was Therapie tut, ist nicht, ihm etwas Neues zu sagen; es ist, ihm zu erlauben, zu sagen, was er ohnehin weiß.


Frankls Wien und mein eigenes kann ich nicht voneinander trennen. Während meiner Ausbildung an seinem Institut habe ich immer dasselbe gedacht: Dieser Mann hatte seine Theorie vor dem Lager gebaut und im Lager geprüft. Die Theorie hat die Prüfung bestanden; aber Frankl selbst hat das nie als Sieg erzählt. Das kleine Wort im deutschen Titel, das trotzdem, ist die Summe der ganzen Lehre. Sinn wird nicht aus den Umständen gefunden, sondern gegen sie.

Aus existenzieller Sicht hat Frankl dem, was Heidegger Geworfenheit nannte, eine Antwort gegeben. Der Mensch ist ungefragt in diese Welt geworfen, ja; aber an dem Ort, an den er geworfen ist, kann er Stellung nehmen. Sartre hatte gesagt, der Mensch sei zur Freiheit verurteilt; Frankl, dass in dieser Verurteilung Verantwortung liege. Freiheit allein ist Leere. Verantwortung gibt ihr Richtung. Darum schlug Frankl vor, der Freiheitsstatue an der Ostküste Amerikas an der Westküste eine Statue der Verantwortung gegenüberzustellen. Es war kein Scherz.


Als Germanist und Therapeut mache ich Frankl beim Lesen nicht zum Heiligen; das wäre der größte Verrat an seiner Lehre. Frankl war ein Arzt, ein Lagerhäftling, dann ein Professor, und in allem blieb er ein Mensch. Ich sehe nur zu, wie das Manuskript im Mantelfutter verloren ging und wie es neu geschrieben wurde. So ist auch der Sinn: Er geht verloren, er wird neu geschrieben. Nicht weil er verloren geht, sondern weil er neu geschrieben werden kann, ist er des Menschen.

Das Bild, das mir bleibt, ist keine Szene, die Frankl erzählt hat, sondern die Stelle, an der die Geschichte in mir weitergeht: In Auschwitz steckt ein Mann die Hand in die Tasche eines Mantels, den man ihm eben gegeben hat. Er findet Papier. Zieht es heraus, sieht hin. Eine zerrissene Seite; ein Gebet. Steckt es zurück.

Er wird das Buch neu schreiben.

Die Gedanken dieses Essays sind eine literarische Lektüre; sie stellen keinem Autor und keiner Person eine Diagnose.

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